Freitag, 19. Dezember 2008

Herr Mobs - Doppelfolge zu Weihnachten

Ich habe euch jetzt schon sehr lange auf Herrn Mobs warten lassen. Dieses Versäumnis mache ich wieder gut, und zwar mit einer Doppelfolge zum Fest. Euch allen ein fröhliches Weihnachten, unter welchen glücklichen oder unglücklichen Umständen das auch immer stattfinden mag. Und vergesst nicht: Wenn ihr auch nicht wisst, was im kommenden Jahr auf euch wartet, dann ist doch eins sicher - die Geschichte mit Herrn Mobs geht auch 2009 weiter (man möchte fast sagen: leider!).

Herr Mobs und die Angst vor den Linken - Teil 6

Es ist so weit. Heute abend findet die Willkommens-Party der Linken auf der anderen Straßenseite statt. Sorgfältig zupft Herr Mobs noch einmal seine Krawatte zurecht. Seine Frau betrachtet sich währenddessen im Spiegel, ob sie in ihrem neuen Sommerkleid tatsächlich jung und schmissig aussieht, wie die C&A-Verkäuferin behauptet hat, oder doch eher wie eine alte Schachtel. Mobs lässt ihr keine Zeit, diese Frage zu beantworten. Er hat bereits die Tür geöffnet und macht eine unmissverständliche Geste: Er wäre dann so weit. Herr, steh uns bei, seufzt Frau Mobs, als sie die Haustür zweimal abschließt. Schon jetzt hören sie die ohrenbetäubende Musik, die die jungen Leute aufgelegt haben. Ist das überhaupt Musik? fragt Uschi Mobs ängstlich ihren Mann. Durch die sonst so ruhige Straße kreischen und fiepsen seltsame Töne, dazu wummern Bass und Schlagzeug hypnotische Rhythmen. Herr Mobs wirft einen besorgten Blick zu seiner Frau. Er hat mal gelesen, dass Rock-Rhythmen zu sexueller Enthemmung führen. Sollte er sie lieber zu Hause lassen? Wird sie den moralischen Herausforderungen gewachsen sein, denen sie jetzt auf der anderen Straßenseite begegnen werden? Macht er sich als Familienoberhaupt schuldig, wenn er sie diesen Versuchungen aussetzt? Doch anstatt libidöse Regungen zu zeigen, klagt Uschi über Kopfschmerzen. Dieser Krach ist nichts für mich, sagt sie, als jetzt auch noch eine männliche Stimme unverständliche Satzfetzen auf Englisch über die Musik hinwegbrüllt. Sicher nichts Freundliches, denkt Herr Mobs bekümmert. Sie haben das andere Haus erreicht und bleiben zögernd auf dem Bürgersteig davor stehen. Im Garten, unter der im Wind flatternden palästinensischen Fahne, versammelt sich ein bunter Haufen von Menschen. Mobs sieht junge Männer und Frauen in schwarzen T-Shirts, engen schwarzen Jeans und schwarzgefärbten Haaren. Andere haben rotgefärbte Haare und tragen sie langen Haarwürsten, wie die junge Frau mit dem schönen Dekolleté. Manche der Anwesenden kleiden sich bewusst bunt, andere betont unauffällig. Einer der Gäste erinnert Mobs an seinen alten Englischlehrer: Schlabberjeans, Lederweste, lange graue Haare und Bart. Erstaunt stellt Mobs fest, dass auch die freundliche junge Frau, die bei der Tankstelle an der Kasse arbeitet, unter den Gästen ist. So so, denkt Mobs, du kämpfst also auch für die andere Seite. Da reißt ihn ein unterdrückter Schreckensschrei seiner Frau aus den Gedanken. Mit zitternder Hand deutet Uschi auf zwei Männer mittleren Alters, die sich leidenschaftlich küssen. Schön, dass sie gekommen sind, sagt in diesem Moment eine weibliche Stimme direkt hinter ihnen. Es ist die junge Frau mit dem schönen Dekolleté. Ich hoffe, sie fühlen sich wohl bei uns. Äh ja, anwortet Herr Mobs mit belegter Stimme und muss sich erstmal räuspern. Doch, doch. Doch, doch.


Herr Mobs und die Angst vor den Linken - Teil 7

Auf der Willkommens-Party der neuen linken Nachbarn geht es hoch her. Herr und Frau Mobs haben sich ein halbwegs ruhiges und sicheres Plätzchen gesucht, von dem aus sie dem Treiben mit einigem Abstand zusehen können. Hier, im Wintergarten des Hauses, ist die Musik wenigstens nicht ohrenbetäubend. Denn während im Wohnzimmer getanzt wird, treffen sich im Wintergarten diejenigen, die in Ruhe ein Getränk zu sich nehmen und sich unterhalten wollen. Im Gegensatz zur Gastgeberin mit dem schönen Dekolleté begegnen die Partygäste den Mobsens allerdings nicht so aufgeschlossen und freundlich, sondern misstrauisch. Spätestens jetzt wird dem Paar klar, dass sie die einzigen Besucher aus der Nachbarschaft sind. Alle anderen Nachbarn halten sich von der Feier fern. Gerade will Uschi, die erkennt, dass sie im neuen Sommerkleid ganz und gar nicht jung und schmissig aussieht, ihren Mann bitten, wieder zu gehen. Da gesellen sich zwei weitere Gäste zu ihnen: Es ist das homosexuelle Pärchen mittleren Alters. Die beiden Männer stellen sich als Hans und Martin vor. Uschi, die Herrn Mobsens Hand umklammert, stellt erstaunt fest, dass die beiden ausgesprochen freundlich sind. Es entwickelt sich ein belangloses Gespräch über das woher und wohin, bis Martin mit starkem Berliner Akzent die Frage stellt, wie lange die Mobsens denn schon verheiratet sind. Vierundzwanzig Jahre antwortet Uschi wie aus der Pistole geschossen. Nachdem Hans und Martin ihre Anerkennung ausgedrückt haben, entsteht eine peinliche Stille, die nur von Herrn Mobsens Räuspern unterbrochen wird. Schließlich kann Uschi es nicht mehr aushalten. Und wie lange sind sie schon zusammen? fragt sie und wird dabei ein wenig rot. Fünfundzwanzig Jahre, antwortet Hans strahlend und sichtlich stolz, und Martin streichelt zärtlich seine Hand. Oh, sagt Herr Mobs und nimmt einen großen Schluck Wein. Das ist – eine lange Zeit. Er bemerkt, wie Uschi ihr Gesicht in einem Glas Ginger Ale versteckt und die beiden Schwulen konsterniert anstarrt.

Donnerstag, 18. Dezember 2008

karacho-Fieber

Ich weiß, der eine oder andere wartet auf die neue Folge von Herrn Mobs. Die kommt auch bald, versprochen. Im Moment jedoch bin ich zu sehr im karacho-tv-Fieber. Wir haben wieder neu gestartet. Und unsere letzte Tour am vergangenen Donnerstag war einfach super.

Was mich zur Zeit außerdem karachomäßig elektrisiert, ist die Tatsache, dass wir im Januar bei sevenload mit karacho an einem Wettbewerb teilnehmen. Eine Jury wählt jeden Monat 14 Videoschaffende aus, die dann von den sevenload-Zuschauern in die nächste Runde gwählt werden. Dann wird wieder gewählt. Und je mehr Leute für dich stimmen, desto mehr Kohle kriegst du.

Nur zur Erklärung: karacho tv ist nicht nur unser Vlog, das ihr vielleicht kennt, sondern wir haben unter demselben Namen auch eine Sendung bei sevenload, in der wir dieselben Filme zeigen.

Jo, irgendwie alles aufregend. Macht auch Spaß. Wer weiß, vielleicht schauen immer mehr Leute die Filme. Und der eine oder andere kommt vielleicht ins Grübeln.

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Tag der Menschenrechte



Wenn du mich fragst, was mich heute, am Tag nach meinem 38. Geburtstag – am Tag der Menschenrechte – so umtreibt, könnte ich zum Beispiel folgendes sagen:

Ich lese zur Zeit das Evangelium antizyklisch. Während wir uns eigentlich gerade auf Weihnachten vorbereiten, lese ich die Passionsgeschichte bei Lukas. Ich lese, wie der Satan von Judas Besitz ergreift, wie er ihn veranlasst, nach einer Gelegenheit zu suchen, Jesus zu verraten, ohne Aufsehen beim Volk zu erregen. Denn die religiöse Führungskaste hat Angst vor dem Volk, aber sie hat auch Angst um ihre Macht. Deshalb muss Jesus weg. Heimlich, so dass niemand intervenieren kann. Und das Mittel, das den Verrat möglich macht, ist, wie immer, das Geld. Jesus wird verkauft.

Hier begegnen mir die Themen, die unser Leben mitbestimmen, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht: eine machtbesessene Elite, die sich um ihren Einfluss ängstigt, sowie ans Licht kommt, was sie wirklich treibt; die Tatsache, dass Macht immer auch wirtschaftliche Macht ist, und dass die Liebe zum Geld die Kraft ist, die diese Machtstrukturen am Leben erhält; und der Verräter, der bereit ist, für Geld alles zu tun, und sei es, dass er nicht nur den anderen, sondern auch seine eigene Seele verkauft. Es hat sich nicht viel geändert seit damals. Das ist die bittere Wahrheit. Die Welt tickt noch immer so.

Wir bibelgläubigen Menschen bemühen gerne komplizierte theologische Argumente, warum diese Pharisäer, Priester und Schriftgelehrten Jesus unbedingt beseitigen wollten. Aber eigentlich ist es ganz leicht: Es ging um ihre Macht, die sie bedroht sahen. Wir sollten Verständnis für sie haben. Unsere Politiker tun heute noch genau dasselbe. Selbst unsere evangelikalen Leiter tun es bisweilen.

Denken wir zurück an die Zeiten des Irak-Krieges. Wie kompliziert, aber dann schließlich einleuchtend waren die Gründe für diesen ‚gerechten’ Krieg. Der Gegner war böse, er war Schuld am Tod Tausender Menschen, er hatte Massenvernichtungswaffen, der Welt drohte Aufruhr. Schnell musste die Ordnung wieder hergestellt werden. Wenn nötig: mit Gewalt. Es erinnerte sich niemand mehr daran, dass Colin Powell noch im Februar 2001 vor laufenden Kameras betont hatte, Saddam Hussein verfüge über keinerlei Massenvernichtungswaffen. Im Juli 2001 hatte Condoleeza Rice nachgelegt und – ebenfalls vor laufenden Kameras – bestätigt, dass Saddam über keine dererlei Waffen verfüge und dass die USA durchaus in der Lage seien, ihn daran zu hindern, in ihren Besitz zu kommen. Im September 2001 war plötzlich alles anders.

Worum ging es wirklich? Um einen – weltpolitisch gesehen – strategischen Stützpunkt der Sonderklasse, den eine Weltmacht wie die USA niemandem anders überlassen mochte. In diesem ‚gerechten’ Krieg, dem Zehntausende Zivilisten zum Opfer fielen und der die ganze Welt ins Chaos zu stürzen droht, ging es vor allem um eins: Macht.


Oder denken wir an die verheerenden Hungerkatastrophen, zum Beispiel auf Haiti. Menschenrechtsvertreter fordern von der WTO, in betroffenen Ländern die Märkte nicht zu liberalisieren, sondern Zölle und Grenzen beizubehalten, damit die Preise für Nahrungsmittel stabil bleiben, damit Menschen es sich leisten können, zu essen. Gibt es ein Einlenken? Fehlanzeige. Worum geht es hier wirklich? Um Macht.


In Lukas erscheint Jesus als einer von uns. Einer, der den Mächtigen und Reichen im Weg steht und deshalb ausgelöscht wird. Was kann ich von ihm lernen? Wie begegne ich der Gier der Mächtigen? Manchmal wünschte ich beinahe, Jesus hätte den Weg der Gewalt gewählt. Wie leicht wäre das, jetzt auf den Straßen Athens Molotow-Cocktails zu werfen, Autos anzuzünden und Steine auf Polizisten zu werfen. Und dabei zu vergessen, dass unter der Uniform ein Mensch steckt, der, so wie ich, in diesem System lebt und leidet. Hätte Jesus die Gewalt gewählt, dann hätte er sich von den Machthabern korrumpieren lassen. Denn der Weg der Gewalt ist ihr Weg. Er hat es nicht getan. Lieber ist er gestorben.

Aber er hat die Mächtigen auch nicht bestätigt. Hat sich nicht angebiedert. Hat nicht versucht, ihr Freund zu sein. Ist keine Kompromisse eingegangen. Und sie haben ihn richtig wahrgenommen: nämlich als eine Bedrohung ihrer Machtspiele. Um ihn zu beseitigen, mussten sie ihn töten. Ignorieren hätte nichts gebracht.
Ich wünschte, wir wären mehr wie Jesus. Knallhart gegenüber den Gierigen und Mächtigen, barmherzig gegenüber den Sündern, sogar in sexual-ethischen Fragen.

Wir Evangelikalen machen es genau anders herum. Kein Wunder, dass die Mächtigen uns ignorieren, während die Schwachen vor uns davon laufen.