Mittwoch, 10. Dezember 2008

Tag der Menschenrechte



Wenn du mich fragst, was mich heute, am Tag nach meinem 38. Geburtstag – am Tag der Menschenrechte – so umtreibt, könnte ich zum Beispiel folgendes sagen:

Ich lese zur Zeit das Evangelium antizyklisch. Während wir uns eigentlich gerade auf Weihnachten vorbereiten, lese ich die Passionsgeschichte bei Lukas. Ich lese, wie der Satan von Judas Besitz ergreift, wie er ihn veranlasst, nach einer Gelegenheit zu suchen, Jesus zu verraten, ohne Aufsehen beim Volk zu erregen. Denn die religiöse Führungskaste hat Angst vor dem Volk, aber sie hat auch Angst um ihre Macht. Deshalb muss Jesus weg. Heimlich, so dass niemand intervenieren kann. Und das Mittel, das den Verrat möglich macht, ist, wie immer, das Geld. Jesus wird verkauft.

Hier begegnen mir die Themen, die unser Leben mitbestimmen, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht: eine machtbesessene Elite, die sich um ihren Einfluss ängstigt, sowie ans Licht kommt, was sie wirklich treibt; die Tatsache, dass Macht immer auch wirtschaftliche Macht ist, und dass die Liebe zum Geld die Kraft ist, die diese Machtstrukturen am Leben erhält; und der Verräter, der bereit ist, für Geld alles zu tun, und sei es, dass er nicht nur den anderen, sondern auch seine eigene Seele verkauft. Es hat sich nicht viel geändert seit damals. Das ist die bittere Wahrheit. Die Welt tickt noch immer so.

Wir bibelgläubigen Menschen bemühen gerne komplizierte theologische Argumente, warum diese Pharisäer, Priester und Schriftgelehrten Jesus unbedingt beseitigen wollten. Aber eigentlich ist es ganz leicht: Es ging um ihre Macht, die sie bedroht sahen. Wir sollten Verständnis für sie haben. Unsere Politiker tun heute noch genau dasselbe. Selbst unsere evangelikalen Leiter tun es bisweilen.

Denken wir zurück an die Zeiten des Irak-Krieges. Wie kompliziert, aber dann schließlich einleuchtend waren die Gründe für diesen ‚gerechten’ Krieg. Der Gegner war böse, er war Schuld am Tod Tausender Menschen, er hatte Massenvernichtungswaffen, der Welt drohte Aufruhr. Schnell musste die Ordnung wieder hergestellt werden. Wenn nötig: mit Gewalt. Es erinnerte sich niemand mehr daran, dass Colin Powell noch im Februar 2001 vor laufenden Kameras betont hatte, Saddam Hussein verfüge über keinerlei Massenvernichtungswaffen. Im Juli 2001 hatte Condoleeza Rice nachgelegt und – ebenfalls vor laufenden Kameras – bestätigt, dass Saddam über keine dererlei Waffen verfüge und dass die USA durchaus in der Lage seien, ihn daran zu hindern, in ihren Besitz zu kommen. Im September 2001 war plötzlich alles anders.

Worum ging es wirklich? Um einen – weltpolitisch gesehen – strategischen Stützpunkt der Sonderklasse, den eine Weltmacht wie die USA niemandem anders überlassen mochte. In diesem ‚gerechten’ Krieg, dem Zehntausende Zivilisten zum Opfer fielen und der die ganze Welt ins Chaos zu stürzen droht, ging es vor allem um eins: Macht.


Oder denken wir an die verheerenden Hungerkatastrophen, zum Beispiel auf Haiti. Menschenrechtsvertreter fordern von der WTO, in betroffenen Ländern die Märkte nicht zu liberalisieren, sondern Zölle und Grenzen beizubehalten, damit die Preise für Nahrungsmittel stabil bleiben, damit Menschen es sich leisten können, zu essen. Gibt es ein Einlenken? Fehlanzeige. Worum geht es hier wirklich? Um Macht.


In Lukas erscheint Jesus als einer von uns. Einer, der den Mächtigen und Reichen im Weg steht und deshalb ausgelöscht wird. Was kann ich von ihm lernen? Wie begegne ich der Gier der Mächtigen? Manchmal wünschte ich beinahe, Jesus hätte den Weg der Gewalt gewählt. Wie leicht wäre das, jetzt auf den Straßen Athens Molotow-Cocktails zu werfen, Autos anzuzünden und Steine auf Polizisten zu werfen. Und dabei zu vergessen, dass unter der Uniform ein Mensch steckt, der, so wie ich, in diesem System lebt und leidet. Hätte Jesus die Gewalt gewählt, dann hätte er sich von den Machthabern korrumpieren lassen. Denn der Weg der Gewalt ist ihr Weg. Er hat es nicht getan. Lieber ist er gestorben.

Aber er hat die Mächtigen auch nicht bestätigt. Hat sich nicht angebiedert. Hat nicht versucht, ihr Freund zu sein. Ist keine Kompromisse eingegangen. Und sie haben ihn richtig wahrgenommen: nämlich als eine Bedrohung ihrer Machtspiele. Um ihn zu beseitigen, mussten sie ihn töten. Ignorieren hätte nichts gebracht.
Ich wünschte, wir wären mehr wie Jesus. Knallhart gegenüber den Gierigen und Mächtigen, barmherzig gegenüber den Sündern, sogar in sexual-ethischen Fragen.

Wir Evangelikalen machen es genau anders herum. Kein Wunder, dass die Mächtigen uns ignorieren, während die Schwachen vor uns davon laufen.