Mittwoch, 28. Mai 2008

In the mighty name of BAM!


In Lakeland, Florida geht die Post ab. Todd Bentley und seine Crew von Freshfire aus Kanada rocken die Hütte. Oder ist es der Heilige Geist? Das ist für einige zur Zeit die Frage.

Es sieht aus wie die Revivals in Toronto und Pensecola: Menschen geraten in Ekstase (oder im Bibeldeutsch ‚Verzückung’). Sie hampeln und zappeln, sie torkeln und lachen. Und immer wieder fallen sie um. Und dann kommen viele von ihnen nach vorne auf die Bühne und berichten von Heilungen. Manche tun das ganz abgeklärt. Andere weinen, jubeln, können ihr Glück kaum fassen. Sie erzählen die unglaublichsten Dinge: Athritis verschwindet, taube Ohren können plötzlich hören, steife Gelenke lassen sich bewegen, Tumore sind weg, Blinde können sehen, man berichtet von Totenauferweckungen. Es geht weiter und weiter.

Todd Bentley ist nicht gerade das, was man einen Vorzeige-Evangelisten nennen würde. Er ist über und über tätowiert und sieht so aus, als würde er sich auf einer Harley Davidson wohlfühlen. Seine Performance ist erfrischend, wenn man auf martialische Rauhbeinigkeit steht, und befremdend, wenn man es seelsorgerlich mag. „In the mighty name of Jesus!“ ruft er ins Mikro, und dann: „Bam!“ Er klatscht die flache Hand auf den Kopf einer Person, die sofort konvulsivisch zuckt und zu Boden fällt. Hin und wieder kommt es vor, dass er das Knie in den Magen des anderen rammt („Bam!“) oder seinem gegenüber in die Hüfte tritt („God told me to kick your hip. Is that ok? – BAM!“). Doch wenn alles treten und Bammen nichts hilft, kennt er auch die säuselnde Benny-Hinn-Variante mit anschließendem Puster: „In the name of Jeeesusssssss …“

Ganz in der Tradition John Wimbers sagt Bentley Words of knowledge von der Bühne: „Im linken Bereich des Saales wird gerade ein Auge geheilt. Gott heilt gerade dein linkes Auge. Wer ist das?“ Der Aufschrei einer Frau ist zu hören. „Was ist los?“ fragt Bentley. „Was geht hier ab? Bist du das? Wurdest du gerade geheilt? Komm nach vorne! Lasst sie durch, lasst die Frau auf die Bühne. Erzähl, was gerade passiert.“ Eine fast schon hysterische Frau in den Vierzigern steht vor ihm, atemlos, fassungslos. Seit frühester Kindheit ist ihr linkes Auge fast blind und ließ sich nicht richtig bewegen. In dem Moment, in dem Bentley die Heilung ansagte (in manchen Kreisen sagt man ‚proklamierte’), veränderte sich das Auge, sagt sie, sie sah scharf und konnte den Blick focussieren. Tatsächlich sieht das linke Auge merkwürdig aus, so als gehörte nicht richtig zum Gesicht. Aber noch während des Gesprächs mit Bentley scheint sich das leicht zu ändern, jedenfalls blickt sie den Prediger klar an.

Neu an dieser Art von Revival ist, dass sie per Medien live in die ganze Welt übertragen wird. God.tv überträgt jeden Abend, jetzt bereits seit Anfang April. Außerdem kann man sich allabendlich per livestream im Internet einklinken. Während die Veranstaltung weitergeht, läuft am unteren Bildrand eine Art Newsticker: Zuschauer aus der ganzen Welt berichten via E-Mail von Heilungen, die sie vor ihrem Fernseher oder Computer sitzend erlebt haben. Die Meldungen kommen aus Asien, Europa, Australien, Afrika und der arabischen Welt.

Auch hier in Deutschland ist es mittlerweile leicht, Menschen zu treffen, die von Lakeland gehört haben. Manche sind begeistert. Andere regelrecht angepisst. Die Befürworter wähnen hier eine bzw. DIE endzeitliche Erweckung, die vor allem aus charismatischen Kreisen seit den siebziger Jahren angekündigt wird. Die Kritiker sehen in Lakeland bestenfalls Abzocke und geistlichen Missbrauch, schlimmstenfalls eine dämonische Verschwörung.

Tatsächlich ist das theologische Fundament, das Bentley zieht, dünn. Der Name Jesus verkommt hin und wieder zur Heilungsfloskel. So kommt es schon mal zu aussagekräftigen Versprechern wie „In the mighty name of BAM!“ Bentley lehrt es nicht explizit, aber es drängt sich der Eindruck auf, dass eben doch entweder Dämonen oder eine Sünde an Krankheiten schuld sind. Der Prediger hält sich, was Aussagen in diese Richtung angeht, wohlweislich zurück. Aber doch rutscht ihm im Getümmel die eine oder andere Aussage heraus. („Don’t tell me it’s not a spirit!“) Immer wieder kommt die Sprache auf Engel. Ich sehe einen Engel hier, ich sehe einen da. Herr, schick deine Engel, dass sie die Kranken berühren etc.

Man mag es ihm vielleicht nachsehen, wenn man erstens bedenkt, dass niemand von uns eine lupenreine Theologie vertritt und wir alle eine gewisse Schieflage haben, und wenn man zweitens bedenkt, dass die Heilungen, die in Lakeland passieren, echt sind. Selbst ein Skeptiker wird nicht abstreiten können, dass mindestens die Hälfte aller so bezeichneten Heilungen tatsächlich stattgefunden haben. Ganz offensichtlich lässt Gott sich auch von mangelhafter Theologie nicht davon abhalten, Menschen zu heilen (genauso wenig, wie er sich seit 2000 Jahren trotz unserer stellenweise grottenschlechten Theologie davon abhalten läßt, Menschen zu retten und seine Gemeinde zu bauen).

An dieser Stelle ist wohl der Punkt gekommen, an der ich die Hosen runterlasse und meine persönliche Meinung zu den Geschehnissen in Lakeland sage: Ich bin ehrlich begeistert! Lakeland begeistert mich, trotz meiner Einwände gegen die dort vertretene Lehre oder die Art, wie Todd Bentley sich stellenweise verhält und wie er mit Menschen auf der Bühne umgeht („Wo ist die Niere hin? Sag der Niere, sie soll noch mal herkommen!“) Es geht nicht um Todd Bentley. Es geht auch nicht um ein weltweites Heilungsspektakel. Es geht um die Tatsache, dass Gott einzelne Menschen berührt, die schon alle Hoffnung auf Besserung aufgegeben hatten, und sich ihnen konkret zuwendet. Und es geht um den Glauben an Gottes Möglichkeiten, der nicht als eine Vorleistung verlangt wird, sondern der durch das, was dort (und an vielen anderen Stellen der Welt) passiert, geweckt wird. Und es geht darum, dass Gott immer noch derselbe Gott ist und tun kann, was er tun will, selbst wenn er es innerhalb der westlichen Kultur macht.

Ich zappe seit Wochen immer wieder rein. Und es erfrischt mich. Es stärkt meinen Glauben. Mein Vertrauen in die Möglichkeiten, die Jesus hat, wächst. Und, ja, das hat unmittelbare Auswirkungen auf die Art wie ich predige, bete und mit Leuten rede. Todd Bentley ist einer von uns, nicht mehr und nicht weniger. Aber Jesus ist und bleibt die Nummer eins! Und ich träume davon, dass einiges von dem, was dort in Lakeland passiert, auch bei uns wieder geschieht.